Rätselspass

 

Ha, ha, ha, neben meinem Bett liegt eine tote Schabe, und eine Kakerlake habe ich auch zusammengehauen. Die liegt beim Fenster. In der linken Ecke meines Zimmers, vom Bett her gesehen, prangt aber staubfrei auf einem abgestaubten Tisch wie ausgestellt die lebendigste aller Leichen: ein beachtlicher Stapel Papier. Bei genauer Prüfung des „Corpus Delicti“ sehen wir, dass es sich um gelöste Kreuzworträtsel handelt. Französische Rätsel, Joker- und Amerikanische Rätsel, Farbquadrate und andere, zusammengeheftet zu Bündeln à zehn Stück. Da hat jemand viel Zeit gehabt. So viel Zeit, wie sie nur ein IV-Rentner wie ich einer bin haben kann, oder ein pensionierter Ornithologe. Was soll also dieser Stapel gelöster Kreuzworträtsel, fein säuberlich aufeinander gelegt? Ist die Sache bereit fürs Altpapier? Diese Fragen habe ich mir manches Mal selbst gestellt. In der Zeit, in welcher ich das zweite Tausend Spezialrätsel löste, hatte ich genügend Musse, darüber nachzudenken. Stecke ich in einer Sackgasse? Handelt es sich um ein Treten an Ort? Ist der Stapel, der mir noch nicht gewaltig genug scheint, ein Zeuge durchlebter Langweile? Schlafwandlerisch, wie auch ein Blinder einen roten Faden finden kann, wusste ich plötzlich, es handelt sich um einen Ausweis. Ein Ausweis darüber, dass ich gewillt bin, eine den Lebensumständen angemessene Leistung zu erbringen, sonst würde ich die gelösten Rätsel nicht zählen und stapeln. Ich weiss sehr oft, für welche Definition welches Wort einzusetzen ist, habe also gewissermassen einen Spezialwortschatz. Daneben sind aber auch immer wieder Wörter verlangt, die ich nicht weiss, die es zu errätseln gilt. In solchen Momenten steigt die Spannung, bis ich die richtige Lösung herausgefunden habe. Das Rätsellexikon ist Tabu. So ist ein Grunzochse ein Yak, ein einfacher Champignon ein Egerling, ein Karakul ein Fettschwanzschaf und eine Aperçu eine pointierte, geistreiche Bemerkung. Dies sei hier gebührend erwähnt, auch wenn ich dadurch noch kein „Agent 007“ bin. Ich bin also bereit, Leistung zu erbringen, dies habe ich ganz klar nach meinem Gusto definiert, ich kann es beweisen. Voilà regardez. Der Haken ist aber der, ob es auch jemanden geben könnte, der meine Leistung als solche anerkennt? Okay, Lösungswort auf eine Postkarte schreiben und einsenden. Die Gewinner werden persönlich benachrichtigt. Das wäre eine tolle Möglichkeit, sonst habe ich aber diesbezüglich, was die Anerkennung meiner Leistung in jedem Fall anbelangt, meine ernsthaften Bedenken. Würde ich dies als Leistungsausweis vorzeigen im Vergleich zu jemandem, der mit seiner Arbeit Geld verdient, würde ich bloss belächelt werden. Und was soll denn dieses Leistung-Erbringen um jeden Preis, in jeder Form, jeder Ab- und Unterart? Ganz einfach, wir leben in einem Land, in dem es heisst: leiste oder stirb, egal, auch wenn du nur psychisch krepierst. Also ein Reinfall? Nein, mein Bemühen ist ganz einfach ein Schritt auf einer Leiter nach oben, und ich weiss genau, wohin die Leiter führt. Wenn ich nicht einen Nischenplatz nach meinem Gefallen finde, so wird mein Los am oberen Ende der Leiter erneut eine Art industrielle Versklavung gegen ein lumpiges Entgelt sein. Wäre ich nicht lieber ein professioneller Gambler oder Billiardspieler geworden, als Hilfsarbeiter in einer Fabrik zu sein, und dies mit „gelungener Integration“ etikettiert zu sehen? Es gibt genügend Menschen, welche an ihrem Arbeits-Los zu verdauen haben, weshalb sollte ich mich zu ihnen gesellen? Klar, die Leiter muss ein wenig auf eine andere Destination hin geschoben werden. Aufbauende und therapeutisch sinnvolle Arbeit kann die industrielle Art von Sklaverei ja nicht genannt werden. Also keinen Schritt weiter auf der Leiter? Diese Frage stellte ich mir damals, als ich das nächste Rätsel löste, denn das Rätseln bereitet mir auch Spass. Der Stapel des ersten Tausend an Kreuzworträtseln ist ein stummer aber nicht ignorierbarer Zeuge, dass ich in meinem Leben nicht nur Frust, sondern auch Lust, Rätsellust erleben durfte. Dafür ist es angebracht, eine wenig dankbar zu sein. Und ich bin dankbar, dass ich vom zweiten Tausend an Rätseln erst beim Rätsel tausendvierhundertdreiundzwanzig bin, ich kann also noch lange unterwegs sein bis zum nächsten Hinterfragen, in diesem kleinen Glücksfall nach Lust und Laune. Nun stelle ich mir aber auch noch die Frage, ob das Kreuzworträtsel-Lösen eine Art Lebensweisheit ist. Wenn man der Weisheit zugrunde legen würde, dass Philosophie die Kunst der geschickten Lebensführung ist, kann ich diese Frage durchaus mit ja beantworten. Es soll ja Menschen gegeben haben, die als weise galten und am Flussufer sassen und Wellen zählten. Weshalb sollte also Rätsel-Lösen nicht auch Ausdruck einer Weisheit sein? Lieber zähle ich gelöste Kreuzworträtsel als Wellen, jedenfalls kann ich so meine Allgemeinbildung verbessern und etwas vorweisen. Immer spielt aber auch die Hoffnung mit, es würde eines Tages ein Brief mit einer erfreulichen Nachricht in meinem Briefkasten liegen. Rätsellösen mag zwar weniger meditativ sein, in jedem Fall aber doch sehr hilfreich für den nicht verleugbaren Lebenssinn der Horizonterweiterung. Das dachte ich damals, als ich Goldammer durchbuchstabierte. Die Rätsel sind aber zuweilen auch ein Lückenbüsser, denn es gibt viele Lücken in meinem unerforschten Leben. Lücken, die weiss sind, wie die weissen Stellen auf der Karte des sechsten Kontinents. Daher bin ich froh, diese Lücken mit Kreuzworträtseln stopfen zu können, ohne dafür büssen zu müssen. Kurzweil, alleweil. Die volle Einsicht über die Bedeutung meiner Rätseln und den Stapel Papier auf dem Ecktisch erlangte ich zu der zeit, als Präsident W. Bush zum dritten Mal mit dem Fahrrad stürzte. Gott behüte die Rätselbombe. Sinn und Zweck sind also erwiesen und untermauert, da gibt es nichts zu rütteln. Und wenn ich noch nicht gestorben bin, dann werde ich wahrscheinlich heute vom CIA beschattet.

 

Walter Schaller